Wesen

„Ich habe einen riesen Hunger“

Während ihr Euren Weg durch die Berge fortsetzt und noch immer an die Worte Woders über diese Welt denkt, unterbricht der Gnom plötzlich die Stille Eurer Gedankengänge.

„Ich finde es ist an der Zeit, Euch etwas mehr zu zeigen…“

Ganex Tonfall nimmt etwas Mystisches an, doch wird diese Mystik vom lauten Knurren seines Magens unterbrochen.

„Hm, oder besser gesagt, folgt mir nun nach Catallien! Woder hat euch ja bereits von der größten Stadt der Menschen erzählt. Und von ihrem König, Felgar. Doch bitte Seid nicht allzu enttäuscht, wenn Ihr ihn nicht persönlich antreffen werdet. In letzter Zeit zeigt sich der König nicht mehr allzu oft dem einfachen Volk.“

Die Mine des Gnoms verfinstert sich ein wenig… Er sieht sich suchend um, als wenn er sich vergewissern wolle, dass euch auch niemand belauscht.

„In den Tavernen und auch auf der Straße wird gemunkelt, der König habe schon lange seinen Lebensmut verloren und würde nur noch einsam in seinem Erkerchen verweilen, wartend auf das Ende. Ihr müsst wissen, werter Reisender, schon vor Jahren verstarb der einzige Sohn Felgars, der Menschen so geliebter Prinz Phalim.
Oh ja, viele der Bewohner Catalliens und der gesamten Region Gandalon, erwarteten mit Freuden den Tag, an dem Phalim zum König gekrönt werden sollte. Nun ja, aber lasst und jetzt aufbrechen, unser Weg ist weit und die Zeit ja so knapp!“

Nachdem ihr einige Stunden – aufgrund wohl etlicher Umwege, welche der Gnom wählte, wegen „großer Gefahren“ – unterwegs wart, die Wälder und Berge bereits hinter Euch gelassen habt und nur noch die weiten Steppen Wesedoors und die angrenzenden Savanne Gandalons ausmachen kontet, versteht Ihr allmählich, warum der Gnom, seitdem ihr die Wälder verlasen habt, eher etwas mürrisch gelaunt ist. Es gibt keinen Schatten, keine Bäume, nicht einmal eine laue Brise weht, welche euch den Schweiß von der Stirn wehen könnte.
Nur die Sonne scheint unerbittlich auf Euch herab um Euch zu braten. Zubereiten für ein Mahl welches die Götter sich ersehnen, oder nicht die Götter? Ist es wahr, was Woder erzählte und die gefallenen Engel sollte es geben? Sollte es ihre Schuld sein, warum Ihr Euch nun hier quälen müsst? Bereiten sie sich ein Mahl aus knusprigem Menschenfleisch zu?

„Gleich sind wir da Reisender, in wenigen Augenblicken werdet ihr die mächtigen Mauern Catalliens zu Gesicht bekommen, aber lasst Euch nicht täuschen, was nach Außen hin wie eine friedliche, saubere, sichere Stadt mit Wachen und Rittersgeleut aussieht, ist im Inneren ein gefährlicher Ort, an dem sich Räuber und Mörder herumtreiben, in den Slums werden Leute für ein Stück Brot getötet.“

Ihr blickt hinauf zu den sandigen Hügeln und könnt nun endlich die Zinnen der Hauptstadt der Menschen erspähen…

„Aber macht Euch nicht zu große Sorgen Reisender. Ihr habt ja mich an Eurer Seite! Ich bin einer der Venerales und werde hier geachtet. Und außerdem, pflege ich hier die nötigen Kontakte zu halten…“

Irgendwas an seinem Ausdruck verrät Euch, dass es nicht unbedingt mit rechten Dingen zu tun haben muss, was der Gnom Euch da erzählt. Aber was soll’s, vor Euch erstrecken sich die ersten bebauten Felder. Mais, Kohl, Reis. Alles was die Menschen hier wohl zum Leben brauchen. Oder aber auch einfach nur haben. Bauern arbeiten auf den Feldern und deren Kinder laufen fröhlich jauchzend vor den kleinen Lehmhütten herum. Es gibt kein Leben in einer solchen Einöde, hättet Ihr Euch wohl gedacht, wenn ihr die Wüste überblickt, in der die Felder gedeihen und die Menschen Leben. Einige der Bauern werfen Euch misstrauische Blicke zu und hier und da wird getuschelt. Endlich erreicht ihr die Brücke zur Stadt und schon bietet sich Euch der nächste merkwürdige Anblick. Die Wachen stehen nicht etwa in einer Eisernen Rüstung vor den mächtigen Toren zur Stadt. Nein. Schärpen aus weißem Leder und Lendenschutze aus einem hellen Fell zieren die Wachen, in der Hand halten sie Hellerbarden und ein lederner Helm schützt deren Haupt.

„Halt!“

Warum nur habt Ihr mit genau dieser Reaktion gerechnet?

„Ah, der Weise Sulfir, habt ihr wieder ein paar wichtige Informationen für den König?“

Eine der Wachen beugt sich runter zu Ganex und grinst breit,

„Habt ihr auch an unser Geschäft gedacht?“

Ganex grinst etwas verlegen und scheint wohl angestrengt nach einer Ausrede zu suchen, verschmitzt sieht er auf und beginnt zu stottern,

„Ich… Habe daran gedacht, Leodor us Nedal, doch mit leerem Magen lässt sich so schlecht Verhandeln. Lasst mich und meinen Begleiter eintreten und im Gasthof eine Mahlzeit zu uns nehmen, dann werde ich mich Euch widmen…“

Der Gnom sieht nervös von einer Wache zur Anderen und Euch bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie sich als so naiv erweisen, wie sie aussehen. Dann stellt sich Leodor wieder auf und hebt die Hand, ein lautes knacken ist zu vernehmen und daraufhin ein Schaben und Grollen, dann erhebt das sich Tor schwerfällig in die Höhe.

„Ich habe Euer Wort Ganex Sulfir… Ihr wisst was passiert, wenn ihr es nicht haltet. Ihr seid sowieso kein gern gesehener Gast beim König. Trotz Eures hohen Standes im Kreis der Venerales.“

Die Wache sieht Euch noch mit einem verschwörerischem Grinsen nach, während Ihr dem Gnom durch die Tore in die Stadt folgt…

Endlich im Gasthof angekommen, lasst Ihr Euch noch einmal das Gesehene durch den Kopf gehen.
Sicher habt ihr schon viele große Burgen und Städte gesehen, doch auch Städte die beinahe völlig aus Glas bestehen? Die Türme der Burg sind nicht durchsichtig, die Gesamte Welt spiegelt sich darin als wenn ein Maler sie angestrichen hätte und die Bilder ständig wechseln wenn das Licht wandert. Die Stadt an sich ist schlicht, weiße Häuser in einem schlichten Stil. Der Gnom führte Euch über einen großen Platz, einen Markt auf dem reges Treiben herrschte. Händler, Bauern und Handwerker versuchten ihre Waren unter das Volk zu bringen, sie schrien, riefen und keiften sich gegenseitig an. Jeder wollte derjenige sein, der die beste Qualität für die geringste Anzahl Silberlinge anzubieten hat. Und jede Ware sollte einmalig sein.
Brot welches auf vier verschiedenen Ständen gleich aussah und dennoch jedes Mal was ganz besonderes und einzigartig im Geschmack sein sollte. Hier und da lief einer der Ritter, genauso gekleidet wie die Wachen am Haupttor, durch die Menge und hielt wohl nach Schergen, Dieben und Mördern Ausschau. Durch enge, menschenübefüllte Gassen musstet Ihr gehen, bis ihr endlich an einem Gasthof mit dem einfachen aber – wohl aus diesem Grund – so originellem Namen „Gasthof enge Gasse“ ankamt. Als ihr eintrat kam euch schon eine Dunstwolke aus einem Gemisch von Bratendämpfen und dem Qualm von Pfeifen entgegen, in denen nach merkwürdigen Früchten riechenden Kräutern geraucht wurde.

Ganex ging vor und deutete Euch an, an einem Tisch in einer der hinteren Ecken des Gasthofes Platz zu nehmen, während er an der Theke schon mal etwas zu Trinken bestellen geht. Die Blicke der Gäste dieser wohl eher Gaunerschenke liegen einzig und allein auf Euch, zwielichtige Gestalten sitzen an den Tischen und der Theke und werfen ein – meist das Einzige – Auge auf Euch. Dann kehrt Ganex endlich zurück, mit zwei großen Bierkrügen in den Händen und einer Person in Begleitung.

„So, jetzt kann es beginnen“ Darf ich vorstellen? Delsir, ein Arfejia aus dem Stamm der Dete und ebenfalls Mitglied des ehrwürdigen Kreises der Venerales!“

Ganex deutet auf seinen Begleiter und stellt die Bierkrüge auf dem Tisch ab „Er hat Euch etwas zu erzählen!“

Der Gnom grinst hämisch und lässt sich auf einem der Holzstühle am Tisch nieder.

„Seid gegrüßt werter Herr“

Mir rauer Stimme begrüßt Euch der Arfejia. Als Ihr zu der Gestalt aufblickt, seht Ihr in zwei grau schimmernde Augen. Sein Gesicht ist verborgen vom Schatten der Kapuze seines blauen Umhangs, nur der weiße Bogen und die Pfeile bestückt mit goldenen Federn, lassen wohl auf einen Arfejia schließen. Er lässt sich nieder und stellt seinen eigenen Bierkrug auf den Tisch.

„Cerveza, ein hinterhältiges Gebräu, aber den Menschen schmeckt es. Und ganz ehrlich, mir auch!“

Delsir zwinkert Euch zu und nimmt einen kräftigen Schluck.

„Sooo, Ihr seid also ein Besucher unserer Welt. Ich hoffe, Ihr seid nicht allzu enttäuscht von ihrer Trostlosigkeit? Hach ja, leider sind auch wir Arfejia nicht ganz unschuldig an dieser Einöde. Aber was rede ich denn! Die Menschen… Nein schlimmer die Raman, denn die Engel können ja nicht mehr… Lasst mich einfach erzählen von den Unterschieden der vielen Wesen dieser Welt…“

Und so beginnt der Arfejia zu berichten…

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